Blog 6 - 31.8.26
ORIENTIERUNG – Gelsenkirchen
Was heißt es, sich zu orientieren? An einem Ort, aneinander, an einem Klang?
Für drei Tage trafen in Gelsenkirchen-Ückendorf sechs Künstlerinnen aus Musik, Theater und Performance aufeinander: Nora Schlebusch, Vera Hagemann, Felia Weigelt, Marita Bullmann, katharinajej und Sina Ebell.
Manche ihrer Wege hatten sich schon zuvor gekreuzt, privat oder in der künstlerischen Arbeit, manche nur gestreift. Hier aber galt es, sich neu zueinander und miteinander zu orientieren.
Schauplatz war der Wissenschaftspark – heute ein Landschaft aus Wiesen, Wegen, Wasser und Bäumen, entstanden auf ehemaligem Industriegrund. Ein Ort des Wandels in einem Stadtteil, der selbst immer wieder nach neuen Richtungen sucht.
Los ging es am Platz der Heinze-Frauen. Mit Megafon und Gedanken. Mit einer kleinen Orientierungsanalyse wird das Publikum von Vera Hagemann auf den Weg geschickt.
Und dann:
Was – oder wer – kommt da eigentlich aus dem Gras?
Eine Gestalt trägt das Grün vor sich her, Gräser werden Körper. Das Publikum setzt sich in Bewegung.
Vor der Brücke verändert sich der Raum. Auf der Brücke steigen Federn in den blauen Himmel, werden vom Wind erfasst und treiben über das Wasser. Schwerelose Unordnung.
Klarinetten, Geigentöne und Stimmen: Klänge, die nicht begleiten, sondern Wege öffnen.
Marita Bullmann zieht eine poetische Spur durch den Ort; Nora Schlebusch und Felia Weigelt lassen den neuen Raum hörbar werden.
Weitergehen. Anhalten. Zuhören. Und so sind wir über die Brücke gegangen. Etwas hat eine Brücke geschlagen. Lasst uns einmal kräftig in den Arm zwicken.
Unter einem Baum lädt die Klarinette zum Verweilen ein.
Doch plötzlich wird aus Orientierung eine Frage der Zeit:
Wenn alle weg sind, wird es wieder ganz still, singt Sina Ebell versteckt hinter einem Baum und erinnert ans Kindsein.
Wie lange ist eigentlich lang?
Drei, zwei, eins – du bist dran.
Fort sind die Kinder.
Und da ist noch die Suchende. Katharinajej, die nichts sieht und gerade deshalb wahrnimmt. Tastend bewegt sie sich durch die Wiese, orientiert sich an Geräuschen, Abständen, Luft, Boden – und an den Menschen, denen sie begegnet. Orientierung wird zur Kontaktaufnahme, zum Vertrauen, zum vorsichtigen Aushandeln von Nähe und Richtung. Klang wird Bewegung, Bewegung wird Begegnung, Publikum wird Teil der Landschaft.
Am Ende kommen alle am Klavier zusammen. Klarinette, Körper, Stimmen, Blicke, Schritte. Was sich zuvor über Wege, Brücke und Wiese verteilt hatte, verdichtet sich für einen Moment.
Tastende Schritte. Ein gemeinsamer Klang.
Schlussakkord. Applaus.
Vielleicht ist Orientierung am Ende gar nicht das Wissen, wo es langgeht – sondern die Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen.
